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| Eines Sonntags in der Früh ging die alte Frau Kübert in
Karlburg in den Kartoffelkeller, um ein paar leckere Erdknollen für
das Mittagessen zu holen. Sorgfältig wählte sie die schönsten
und größten Exemplare aus - und bei den Küberts waren die
Kartoffeln seit jeher besondes groß, was bei gehässigen Menschen
zu allerlei Mutmaßungen führte. Als nun die Bäuerin gerade
im Begriff war, den Keller wieder zu verlassen, da fiel ihr eine ungewöhnlich
große Knolle auf, so groß, dass man aus ihr allein drei Kartoffelknödel
hätte machen können. Im Handumdrehen kam diese deshalb auch in
den Korb.
Kaum hatte sich die alte Frau auf den Rückweg zum Wohnhaus gemacht,
ertönte aus dem Korb eine zornige Stimme :
"Was ist hier wohl los ?",
Anmerkung: Es war der Tag der Einweihung der ersten Lohrer Mainbrücke am 26. September 1875). Doch da der Kartoffelkönig ja nur das Kartoffelalphabet beherrschte, half ihm das auch nicht weiter. Neugierig rollte der Kartoffelkönig näher, als der Lohrer Bürgermeister Keßler zu einer Festansprache anhob. "Vielleicht verrät der Mann ja, worum es geht", dachte der König. Doch als der Bürgermeister ansetzte mit : "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem", machte sich der Kartoffelkönig enttäuscht auf den
Weg, denn Latein verstand er auch nicht.
Die Stadt auf der anderen Seite war die größte Ansammlung von Häusern, die der Kartoffelkönig auf seinem ganzen bisherigen Weg gesehen hatte und so begab er sich auf eine Erkundungsrundrolle. Als er am berüchtigten Lohrer Maulaffeneck ankam, stand plötzlich ein großes Schwein vor ihm und grunzte vor Freude: "So eine große Kartoffel kommt mir zwischen dem ersten und zweiten Frühstück gerade recht." Es war Elfriede, das dickste Schwein des Bürgermeisters. Entrüstet und angewidert entgegnete der Kartoffelkönig: "Von einer so dicken Sau wie dir lass ich mich nicht fressen", und noch ehe es sich die beiden kleinen Schweinsäuglein versahen, war die Zwischenmahlzeit von dannen gerollt. Mit einem enttäuschten hochtönigen Grunzer räumte das Schwein ebenfalls das Feld und dachte an sauere Trauben. Da ihm diese Stadt nach solch einer Erfahrung zu gefährlich
erschien, schlug sich der Kartoffelkönig in den dichten Spessartwald.
Aus Furcht, die Sau könnte ihn vielleicht verfolgen, rollte er so
schnell seines Weges, dass er fast mit dem Igel Hubert zusammengestoßen
wäre, der gerade von seinem sonntäglichen Keilerstammtisch nach
Hause trottete.
Da aber unser Kartoffelkönig von Stammtischbrüdern im Gegensatz zu manchen heutigen Ministerpräsidenten nicht besonders viel hielt und ihm auch die Idee, in einem Igelmagen zu landen, nicht sonderlich gefiel, legte er noch einige Kartoffelaugen zu und raste davon. Der Igel tat, wie immer in solchen Fällen, so, als sei nichts geschehen und schlurfte murrend und grollend weiter Richtung Heimat. Kaum glaubte sich der Kartoffelkönig außer Gefahr, da
tauchte auch schon die nächste in Form des Hasen Franz auf. Franz
war der Spitzensprinter in der Spessartliga und sein Denken kreiste stets
um Sport und Fitness.
Es dämmerte bereits, als der Kartoffelkönig eine Ortschaft
namens Frammersbach erreichte. Vor einer armseligen Hütte am Dorfanfang
spielten zwei Kinder. Als sie den Kartoffelkönig entdeckten, trugen
sie ihn voller Freude und zur Überraschung des Kartoffelkönigs
ins Haus.
So kam er schließlich in einen Topf auf dem Herd und als das Wasser sich langsam erwärmte, schlief der Kartoffelkönig zufrieden ein und träumte von einem schönen Thron im Kartoffelhimmel. Anmerkung: Durch die im Märchen erwähnte Mainbrücke
wurde Lohr das "Tor zum Spessart" oder "das Spessarttor" (von Franken aus
gesehen).
Im Märchen symbolisiert bzw. vollzieht der Kartoffelkönig
diese Verbindung.
(Mit freundl. Erlaubnis von Bert Stenger Email: eduard.stenger@gmx.net) |

