Hier waren noch niemals
Kinder gewesen; es war ein unbeschreibliches Glück für die beiden
kleinen Reisenden,
daß ihnen die Nachtfee erlaubte, dies
zu sehen.
Der Maikäfer durfte übrigens auch
mit, denn es wäre doch leicht möglich gewesen,
daß der große Bär ihn tottrat
oder vielleicht gar auffraß,
wenn er mit ihm eine Weile allein geblieben
wäre.
Ganz bescheiden krabbelte also der Sumsemann
hinter den dreien her,
als sie nun auf einem Goldkieswege zwischen
kleinen, grünen Tannenbäumchen weiterschritten.
Die Luft war erfüllt von herrlichem Kuchenduft.
Alle Kuchen der Welt schienen hier zu sein
- besonders nach Pfefferkuchen roch es.
Ein warmer, leiser Wind, der in den Zweigen
der kleinen Tannen säuselte,
trug ihnen diesen prächtigen Duft zu.
Selbst das Sandmännchen bekam davon Kuchenappetit;
es wischte sich den Mund sehr umständlich
und tat so, als ob es niesen müßte,
damit man's nicht merken sollte. Der Weg,
auf dem sie durch das Tannenwäldchen gingen,
war mit vergoldetem Schokoladenplätzchenkies
bestreut. Das roch natürlich auch gut.
Anneliese schnabulierte schnell mal ein Plätzchen,
und Peterchen auch.
Wirklich, es waren Schokoladenplätzchen!
- und was für welche! - hmmm!
Nun waren sie aus dem Wäldchen heraus.
Einen Augenblick blieben sie stehen, vor Erstaunen
ganz starr über das, was sie jetzt vor sich sahen.
Kein Traum hätte jemals etwas so Schönes
zaubern können!
Eine weite, weite Landschaft lag vor ihnen:
Gärten und Felder, Wälder und Wiesen,
Hügel und Täler, Bäche und Seen,
von einem goldenen Himmel hoch überspannt.
Eine Spielzeuglandschaft war es, die fast
so aussah wie eine richtige Landschaft;
und doch anders, ganz anders - viel, viel
zauberhafter.
Nicht wie in einer gewöhnlichen Landschaft
wuchsen da Kartoffeln oder Bohnen,
Gras oder Klee, sondern hier wuchs das Spielzeug.
Alles, was man sich nur irgend denken kann,
wuchs hier;
von den Soldaten bis zu den Püppchen
und Hampelmännern,
von den Murmelkugeln bis zu den Luftballons.
Auf bunten Feldern und Wiesen, in niedlichen
grünen Gärten, an Sträuchern und Bäumchen,
überall sproßte, blühte und
reifte es.
Eine Bilderbücherwiese war da, auf der
alle Bilderbücher wie Gemüse wuchsen.
Das sah sehr bunt und vergnügt aus; manche
waren noch nicht entfaltet
und wie Knospen in ihren Hüllen, kleine
Rollen in allen Farben; manche waren schon auf,
schaukelten im Winde und blätterten um.
Daneben sah man Beete mit Trompeten und Trommeln.
Wie Kürbisse und Gurken kamen sie aus
der Erde hervor.
Nicht weit davon waren große Rasenfelder
mit Soldaten bewachsen,
die zum Teil schon weit aus der Erde herausguckten,
zum Teil noch bis an den Hals darin steckten
oder erst mit der Helmspitze hervorsahen wie
kleine Spargel.
Dann war ein Feld dort, auf dem die Petzbären
wuchsen.
Ein kleiner grüner Zaun lief rings herum,
denn einige von den drolligen Tierchen waren
schon reif,
von ihren Wurzeln los und purzelten quiekend
herum.
Auf der andern Seite wieder waren Gärten
mit großen und kleinen Sträuchern,
an denen Bonbons in allen Farben und Größen
wuchsen.
Kleine Teiche von roter und gelber Limonade
glänzten zwischen Schilfwiesen,
in denen aus den raschelnden Halmen silbrige
Schilfkeulen wuchsen - die Zeppelinballons.
Niedliche, summende Flugmaschinen flogen dort
als Libellen herum.
Ganz besonders schön waren auch die großen
Tannen,
an denen die vergoldeten Äpfel und Nüsse
wuchsen, und die Pfefferkuchenbäume.
Sie standen meistens in Gruppen auf kleinen,
runden Plätzen mit Krachmandelkies.
Überall hörte man in Bäumchen
und Sträuchern eine süße Zwitschermusik.
Die kam von den bunten Spielzeugvögelchen,
die zwischen Pfefferkuchenzweigen und Bonbonknospen
herumhuschten.
Sie hatten dort ihre Nesterchen, in denen
sie fleißig Pfefferminzplätzchen legten.
Viele brüteten auch, damit noch mehr
Vögelchen zu Weihnachten auskröchen.
Sie sind ja sehr beliebt bei den Kindern auf
der Erde;
besonders wenn sie mit Plätzchen gefüllt
sind - man weiß das.
Das Schönste aber, was man hier sehen
konnte, war eigentlich der Puppengarten.
Ein ganzer Wald von bunten Büschen und
Bäumchen auf grünem Sammetrasen,
von einem goldenen Zaun umgeben.
An den Büschen und Bäumchen saßen
Tausende und aber Tausende von Puppen und Püppchen.
Wie kleine Blumen wuchsen sie an den Zweigen;
zuerst nur Knospen von Sammet oder Seide,
dann Blümchen mit kleinen Gesichtern
in der Mitte
und dann endlich Püppchen
oder Puppen mit Haar, Schuhen und Schleifen
in allen Größen und Farben.
An feinen, silbernen Stielen hingen sie von
den Zweigen und konnten abgepflückt werden.
Ein kleiner See war auch im Puppengarten,
ganz bedeckt mit wunderschönen Wasserrosen.
Wenn die aufblühten und ihre weißen
oder gelben seidenen Blätter auseinanderfalteten,
so gab es einen kleinen, klingenden Knall,
und in der offenen Blume lag ein rosiges Badepüppchen.
Sehr lustig war das!
Ja, und dann gab's noch so einen kleinen,
seltsamen Wald,
ein wenig versteckt in einem tieferen Tal,
so seitwärts, hinter einer Marzipanschweinezüchterei.
Ganz kahl war's da, ohne ein Blättchen;
nur Bäumchen mit Ruten.
Immerfort pfiff ein Wind, daß die Ruten
sich bogen.
Kein Vögelchen zwitscherte, kein Flugmaschinchen
summte;
es war nicht sehr freundlich in dem Wald.
Man brauchte ihn eigentlich auch gar nicht zu bemerken,
so versteckt lag er. Aber er war doch da auf
der Weihnachtswiese - der Rutenwald.
Man kann sich wohl denken, wie den Kindern
zumute war,
als sie alle diese zauberhaften Dinge sahen,
während sie an der Hand des Sandmännchens
über Krachmandel- und Schokoladenwege,
über Zuckerbrücken und Marzipanstraßen
hinwanderten zu einem kleinen sanftleuchtenden Berge,
der die Mitte des Ganzen bildete.
Dort liefen alle Wege und Straßen zusammen
auf einen, von Tannenbäumchen umhegten Platz.
Auf diesem Platze aber - ja, das war das Allerschönste!
stand die goldene Wiege des Christkindchens.
Neben der Wiege,auf einem schönen, himmelblauen
Großvaterstuhl
saß der Weihnachtsmann in seinem pelzverbrämten
Rock
mit einer silbergrauen Pudelmütze und
schneeweißem Bart.
Er hatte eine lange, schöne Pfeife mit
bunten Troddeln im Munde,
aus der er ab und zu großmächtige
Wolken in die Luft paffte.
Dazu wiegte er leise die goldene Wiege, und
über der Wiege schwebte still ein leuchtender Heiligenschein.
Es war sehr feierlich, es war sehr schön!
Nun sah der Weihnachtsmann die kleinen Besucher,
die da ankamen.
Ein freundliches Lächeln huschte über
sein Gesicht -
er wußte schon Bescheid-, stand auf,
kam ihnen entgegen und sagte:
"Ei, ei, das ist mir eine Freude!
Guten Tag, ihr lieben Kinderchen beide,
Und Sandmännchen, und Maikäfermann;
Willkommen hier auf der Weihnachtswiese!"
Und dann gab er den Kindern die Hand.
Peterchen war noch ein wenig schüchtern
und Anneliese erst recht;
es war auch wirklich ein sehr feierlicher
Augenblick.
Aber der gute Weihnachtsmann streichelte ihnen
die Köpfe und die Bäckchen und sagte:
"Nun Peterchen? - nun Anneliese? -
Jaja, ich kenn' euch, wißt ihr's nicht
mehr?
Ich kenne euch gut, noch von Weihnachten her!
Artig wart ihr alle beide;
Ich weiß es, ihr macht eurem Mütterchen
Freude."
Die Kinder erinnerten sich natürlich ganz
genau,
wie der Weihnachtsmann damals gekommen war
mit Nüssen und Äpfeln
und das Weihnachtsbäumchen gebracht hatte.
Wahrscheinlich hatte er auch die vielen anderen
schönen Sachen gebracht,
die nachher auf dem Weihnachtstisch lagen.
Das dachten sie sich jetzt, nachdem sie gesehen
hatten, daß hier alles Spielzeug wuchs.
Der Weihnachtsmann hatte nämlich damals
lange mit Muttchen gesprochen,
nachdem sie ihren Spruch schön hergesagt
hatten, und dann aus einem großmächtigen Sack,
der ihm über den Rücken hing,
alles mögliche herausgenommen.
Muttchen hatte das schnell in die Weihnachtsstube
gebracht;
dann hatte der Weihnachtsmann genickt, genau
so freundlich wie jetzt,
und war verschwunden.
Natürlich kannten sie ihn!
Und so faßte Peterchen sich Mut,
erzählte, was er vom vorigen Weihnachten wußte,
und Anneliese nickte eifrig mit dem Kopf dazu.
Ja, es stimmte!
Der Weihnachtsmann bestätigte alles so
freundlich,
daß die Kinder jede Scheu verloren und
sich zutraulich an ihn drängten.
Ein sehr spaßiges Männchen sprang
da noch mit einer kleinen Gießkanne bei den Weihnachtsbäumen
herum
und begoß immerfort. Dazu sang es mit
seinem dünnen Stimmchen:
"O Tannebaum, O Tannebaum,
Wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
Nein auch im Winter, wenn es schneit;
O Tannebaum, O Tannebaum,
Wie grün sind deine Blätter!"
Peterchen mußte plötzlich laut lachen.
Der Weihnachtsmann aber erklärte,
dies sei das Pfefferkuchenmännchen, sein
Gehilfe,
der schrecklich viel zu tun hätte mit
dem Begießen und Pflegen all der schönen Sachen.
Davon wäre er zu Weihnachten so mürbe
und braun.
Das Männchen sprang zwischen den Bäumchen
herum wie ein kleiner Floh und begoß
- mit Zuckerwasser!!
Am meisten aber waren die Kinder jetzt neugierig
auf das Christkindchen.
Auf den Zehenspitzen schlichen sie näher;
denn der Weihnachtsmann sagte:
"Es schläft, um sich das Herz zu stärken,
Zu allen seinen Liebeswerken.
Derweil muß ich es wiegen und warten
Hier oben im stillen Weihnachtsgarten.
Und wenn unsre Stunde gekommen ist,
In der Winterszeit, zum heiligen Christ,
Dann weck' ich es ganz leise, leise,
Und wir machen uns auf die weite Reise
Durch Nacht und Wälder, durch Schnee
und Wind,
Dorthin, wo artige Kinder sind."
Ja, da lag es, tief in den schneeweißen
Kissen, mit goldblonden, strahlenden Locken und schlief.
Die Kinder falteten leise die Hände und
knieten ganz von selbst neben der Wiege nieder,
so schön und so heilig war es.
Als sie aber niederknieten,
kniete auch der Weihnachtsmann und das Pfefferkuchenmännchen
mit ihnen.
In demselben Augenblick ging ein wundersames
Klingen durch die Luft,
als sängen tausend kleine Weihnachtsengelchen
das Weihnachtslied.
Als Anneliese und Peterchen es hörten,
sangen sie unverzagt mit,
und ihre Stimmen klangen so schön mit
den Engelstimmchen zusammen,
daß sie ganz glücklich waren. Während
des Gesanges aber fiel vom Himmel herab ein goldener Schnee,
der duftete schöner als alle Blumen der
Welt.
Auf allen Bäumen und Bäumchen ringsum
glühten Lichterchen auf,
und große Sterne strahlten vom Wipfel
jeder Tanne im Garten.
Himmelsschön war es eigentlich und gar
nicht zu beschreiben.
Es war aber schon wieder Zeit zur Reise.
Das Sandmännchen winkte zum Aufbruch,
und von fernher hörte man auch den Bären
brummen und stampfen,
der ungeduldig wurde wie ein Pferdchen, das
nicht mehr warten will.
So gaben die Kinder dem Weihnachtsmann die
Hand und bedankten sich sehr schön.
Der lachte freundlich
und steckte schnell noch jedem ein ganz frisches
Pfefferkuchenpäckchen ins Körbchen.
Dann nickte er dem Sandmännchen zu, setzte
sich in seinen Großvaterstuhl,
paffte riesengroße, steingraue Wolken
aus der Pfeife und wiegte das heilige Kindchen.
Dazu sprang das Pfefferkuchenmännchen
im Hintergrunde zwischen den Tannen herum,
begoß und sang sein Liedchen.
So war alles wieder wie vorher.
Die drei Abenteurer aber eilten mit dem Sandmännchen
zum Eingangstor zurück,
über die Zuckerbrücken und Schokoladenwege,
schnell, schnell!
Besonders der Sumsemann hatte es eilig
dabei, denn ihm hatte es am wenigsten gut gefallen.
Gar nichts war dagewesen für ihn!
Lauter Zucker, Marzipan, Mandeln, Rosinen,
Limonade, Schokolade!
Kein Blättchen gab's, nur Tannen, Bonbonsträucher
und Pfefferkuchenbäume - brrrrrrrr!!
Nein, solche Gegend paßte ihm nicht!
Er hatte allerdings einen Kameraden
gefunden, einen Spielzeugmaikäfer.
Aber als er sich ihm vorstellte, wie sich
das gehört,
hatte der Kerl bloß gerasselt und geklappert
mit seinen Beinen und Flügeln;
nicht einmal anständig summen konnte
er.
Natürlich, er war aus Blech und hatte
statt eines klopfenden, ritterlichen Käferherzens
nur ein paar blecherne Räder und eine
Uhrfeder in der Brust.
Aber sechs Beinchen hatte dieser Blechkerl!
Das war wirklich ärgerlich!
Er, ein echter Maikäfer, wurde von dem
Rasselfritzen mit einem Beinchen übertroffen.
So packte ihn wieder die grimmigste Sehnsucht
nach seinem Beinchen, und emsig,
wie ein Feuerwehrmann, wenn's brennt, lief
er neben den Kindern her.
Endlich ging's ja zum Beinchen, zum Mondberg,
zur Erfüllung des großen Wunsches
der Sumsemänner!
Da taten sich vor ihnen auch schon die
Tore auseinander,
der Bär stand schnaufend zum Ritt bereit
und schüttelte vor Freude den dicken Kopf,
daß seine kleinen Reiter wieder da waren.
Schnell saßen sie auf seinem Rücken
im weichen Fell.
Vor ihnen lag die weite Mondlandschaft,
hinter ihnen schlossen sich leise die Tore
der Weihnachtswiese,
und ... fort ging's über den watteweißen,
sonderbar schimmernden Boden des Mondes,
dem großen Berg zu, der mit seinen seltsamen
Formen
wie ein riesenhafter Schlagsahnenkegel vor
ihnen in der Ferne lag.
(aus:
Peterchens Mondfahrt) |