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| Diese Geschichte ist eigentlich gelogen, Kinder, aber wahr ist sie
doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn
er sie erzählte, zu sagen:
"Wahr muß sie sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen." Die Geschichte aber hat sich so zugetragen. Es war an einem Sonntagmorgen im Herbst, gerade als der Buchweizen blühte; die Sonne war am Himmel aufgegangen, und der Wind strich warm über die Stoppeln, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und die Bienen summten im Buchweizen. Die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt, auch der Igel. Er stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, er
guckte in den Morgenwind hinaus und trällerte ein kleines Liedchen
vor sich hin, so gut und so schlecht wie am Sonntagmorgen ein Igel eben
zu singen pflegt.
Gedacht, getan.
"Ich gehe spazieren", sagte der Igel. "Spazieren?" lachte der Hase. "Du könntest deine Beine schon zu besseren Dingen gebrauchen." Diese Antwort verdroß den Igel sehr. Alles kann er vertragen,
aber auf seine Beine läßt er nichts kommen, gerade weil sie
von Natur aus krumm sind.
"Das will ich meinen", sagte der Hase. "Nun, das kommt auf einen Versuch an", meinte der Igel.
"Du - mit deinen krummen Beinen?" sagte der Hase.
"Einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein", sagte der Igel. "Angenommen", sagte der Hase, "schlag ein, und dann kann es gleich losgehen." "Nein, so große Eile hat es nicht", meinte der Igel, "ich hab' noch gar nichts gegessen; erst will ich nach Hause gehen und ein bißchen was frühstücken. In einer Stunde bin ich wieder hier." Damit ging er, und der Hase war es zufrieden.
Als er nun nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau:
"Was gibt es denn?" fragte die Frau. "Ich habe mit dem Hasen um einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein gewettet, daß ich mit ihm um die Wette laufen will. Und da sollst du dabei sein." "O mein Gott, Mann", begann die Frau loszuschreien, "hast du denn ganz den Verstand verloren? Wie willst du mit dem Hasen um die Wette laufen?" "Halt das Maul, Weib", sagte der Igel, "das ist meine Sache. Misch
dich nicht in Männergeschäfte! Marsch, zieh dich an und komm
mit!"
Als sie miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau:
So kamen sie zu dem Acker, der Igel wies seiner Frau ihren Platz an und ging den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. "Kann es losgehen?" fragte er. "Jawohl", erwiderte der Igel. "Dann nur zu." Damit stellte sich jeder in seine Furche.
Der Hase war nicht wenig erstaunt, glaubte er doch nichts anderes,
als daß er den Igel selbst vor sich hatte. Bekanntlich sieht die
Frau Igel genauso aus wie ihr Mann.
Der Hase war ganz außer sich vor Ärger und schrie: "Noch einmal gelaufen, noch einmal herum!" "Meinetwegen", gab der Igel zurück. "Sooft du Lust hast." So lief der Hase dreiundsiebzigmal, und der Igel hielt immer mit.
Beim vierundsiebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel.
Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Golddukaten und die Flasche Branntwein, rief seine Frau von ihrem Platz am Ende der Furche, und vergnügt gingen beide nach Hause. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. So geschah es, daß auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen zu Tode gelaufen hatte, und seit jener Zeit hat kein Hase mehr gewagt, mit dem Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen. Die Lehre aus dieser Geschichte aber ist erstens, daß sich
keiner, und wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, einfallen lassen
soll, sich über einen kleinen Mann lustig zu machen, und wäre
es auch nur ein Igel.
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